„Schwarz-weiss Fotos sind realistischer als Farbfotos“

Interview mit dem Fotoexperten Johannes Faber

Johannes Faber gründete seine Galerie für Fotografie in einer Zeit, in der das Sammeln von Fotos, besonders in Österreich, noch in den Kinderschuhen stand. Mitten in der Vorbereitung seiner nächsten Ausstellung 1), plauderten wir über seine Anfänge, den Zusammenhang von Kunst und Fotografie und weshalb es zu grossen Preisunterschieden von scheinbar ein und derselben Fotoarbeit kommen kann.

Herr Faber, wie kamen Sie zur Fotografie?

JF: Ich war ursprünglich Fotograf und freischaffender Künstler. Ab Mitte/Ende der 70er Jahre habe ich dann auch begriffen, dass es so etwas wie Kunstfotografie gibt und habe dann 1983 etwas blauäugig, weil es keine gegeben hat, meine Galerie eröffnet. Ich habe schon vorher Fotos gesammelt, zumindest die, die ich mir leisten konnte und habe mit Film Stills, die ich auf Flohmärkten fand, angefangen. In der Galerie stellte ich zu Beginn zeitgenössische Arbeiten von Freunden und Bekannten aus. Ich habe meine Arbeiten von den Werken anderer Fotokünstler immer strikt getrennt. Relativ bald, so ab der Mitte der 80er Jahre habe ich dann mit der klassischen Moderne angefangen und damit Ausstellungen gemacht. Wobei, zu dieser Zeit waren es eher preisgünstigere Fotos von Wiener Ateliers wie Madame d’Ora (Anm. Dora Kallmus) oder Trude Fleischmann. Den internationalen Fotomarkt habe ich noch gar nicht gekannt und habe daher meine Arbeiten in Wiener Antiquariaten und Flohmärkten gesucht. Ab dem Beginn der 90er Jahre habe ich dann auch Kunstmessen besucht und seit 1993/94 nehme ich regelmässig an Kunstmessen teil wie die Art Basel, die Art Cologne oder die TEFAF in Maastricht. Natürlich stelle ich auch auf Messen für Fotografie aus wie die Paris Photo, die Photo London oder die AIPAD  in New York.

Ich finde es sehr schade, dass die Fotografie auf Kunstmessen so einen verhältnismässig geringen Stellenwert hat. Die Verbindung zur Kunst ist ja seit der Erfindung der Fotografie um 1838 eine ganz enge. Die Maler haben ja häufig nach Fotografien gemalt. Ein Gemälde von Edgar Degas ist ohne Fotografie nahezu unmöglich. Eugene Delacroix hat gesagt, „ab heute ist die Malerei tot“, als er die erste Fotografie gesehen hat, was natürlich so nicht stimmt. Fotografie ist seit 200 Jahren ein Bestandteil der Kunst. Gerade in der Neuen Sachlichkeit haben sehr viele Künstler fotografiert wie zum Beispiel: Alexander Rodtschenko, László Moholy-Nagy, Man Ray oder Constantin Brancusi. Gerade bei Letzterem ist das eine Tatsache, die Vielen unbekannt ist.

Alexander Rodschenko

Alexander Rodtschenko, Glass and Light, Moscow 1928, Gelatin silver print, 29,5 x 23,3 cm, Artist & Edition stamps verso, printed 1989 by A. Lawrentjew, edition 45# of 50, Courtesy Galerie Johannes Faber, Vienna.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Fotos, besonders in den Anfängen, ausgesucht?

JF: Als Händler hat man das Glück oder den Vorteil, dass man sich für alles interessiert, was Qualität hat. Als Sammler hat man meistens gewisse Bereiche oder Zeiträume. Manche sammeln nur Pictorialismus, das ist die Zeit zwischen 1890 und dem 1. Weltkrieg, wo die Fotografie versucht hat mit Edeldrucken oder Kunstdrucken wie Kunst auszusehen. Da gibt es zwei berühmte Beispiele in Wien, wie den Heinrich Kühn und Rudolf Koppitz. Aber es gibt auch die Modefotografie, die frühe Fotografie…etc. Die klassische Moderne ist immer noch ein wenig unterbewertet, obwohl sie ein spannendes Sammelgebiet ist.

In einem Artikel von Artnet über die Photo London vergangenen Mai, auf der Sie ja ausgestellt haben, wird berichtet, dass die schwarz-weiss Fotografie nach wie vor im Trend ist. Woran liegt das, ihrer Meinung nach? 

JF: Die Bildwelt unserer Eltern und Grosseltern war ja schwarz-weiss. Für die 20-25 Jährigen hat schwarz-weiss Fotografie wieder etwas Artifizielles und etwas Abstraktes. Unser Gehirn ist sehr gut im Stande ein schwarz-weiss Foto in Farbe umzurechnen. Wenn man eine Landschaftsfotografie sieht, die schwarz-weiss ist, wissen wir, dass der Himmel blau ist und die Wiese grün. Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass eine schwarz-weiss Fotografie immer noch realistischer ist als eine Farbfotografie. Das hat mit der vordigitalen Zeit zu tun. Die Filme der Firmen Kodak oder Agfa machen den Himmel meist noch blauer oder die Wiese noch grüner. Das hat in der Regel wenig mit der Realität zu tun. Die digitale Fotografie hat das zwar auch, aber man kann heute in der Bearbeitung mit den Computern, ein ziemlich realistisches Bild hinbekommen. In der analogen Zeit war das nicht so einfach. Man hat sich in Grossformatkameras geflüchtet. Ernsthafte Fotografen wie der Amerikaner Joel Sternfeld, haben mit riesengrossen 8×10 inch Negativen gearbeitet, um annähernd diese Realität abzubilden.

ERWIN BLUMENFELD biographyAmerican, b. Germany, 1897-1969 title Teddy Thurman date New York 1948 technique Vintage silver print size 33,7 x 26,5 cm (13 x 10,5 “) description Estate stamp, Copyright stamp and West Park Studio stamp verso edition Vintage

Erwin Blumenfeld, Teddy Thurman, New York 1948
Vintage silver print,, 33,7 x 26,5 cm, Estate stamp, Copyright stamp and West Park Studio, stamp verso,
edition Vintage, Courtesy Galerie Johannes Faber, Vienna.

Wenn man angehender Sammler ist, muss man ja seine Hausaufgaben machen. Das heisst viel hören, viel sehen, viel lesen. Auf was muss ein Neo-Sammler achten?

JF: Eine der sichersten Quellen ist eine seröse Galerie sei es in Wien, New York oder anderswo, wo man davon ausgehen kann, dass man ein echtes Werk zum korrekten Preis bekommen kann. Entscheidend ist, dass man sich beraten lassen muss. Ein guter Händler nimmt sich dafür Zeit, um einem Sammler die einzelnen Merkmale der Arbeiten zu erklären. Man benötigt ja Informationen über den Künstler, die betreffende Edition, ob diese aus Zeit ist oder später. Zwischen zwei Editionen  kann es ja sehr grosse Preisunterschiede geben. Von fast jedem Fotografen gibt es ja ein oder zwei Fotos, die jeder kennt. Die Originale sind meist sehr teuer da die Nachfrage von Museen und Privatsammlern sehr gross ist.

Der Vorteil der klassischen Moderne ist ja, dass die Dinge ja nicht mehr werden. Oft entscheidet man aus dem Bauch heraus. Es macht keinen Sinn jemanden, der mit dem Sammeln von Fotos beginnen will, etwas einreden zu wollen. Man weiss dann oft im Gespräch, was der Sammler möchte. Das sind oft tagelange oder stundenlange Gespräche, wir haben ja alle eine missionarische Ader. Wenn  jemand kommt und ich habe Zeit, zeige ich ihm alles, nehme die Arbeiten aus dem Rahmen und zeige ihm wie ein Vintage-Abzug aussieht, die Vorder- und Rückseite und wie ein ein späterer Abzug aussieht. Das sind oft ganz dramatische Preisunterschiede. Ein früher original Abzug von Man Ray kann 2 Millionen Euro kosten, wenn der Künstler dasselbe Foto kurz vor dem 2. Weltkrieg abgezogen hat, kostet das Blatt nurmehr 100-150 000  Euro. Ein Abzug kurz vor seinem Tod 1976 kostet nurmehr 20 000 Euro. Für einen Laien sehen die Bilder aber alle gleich aus. Aber das sind Dinge, die fast in einer Stunde erlernbar sind. Man kann das mit der Mode vergleichen: Eine Baby-Kroko Tasche in hellblau von Hermès kostet 35000 Euro und man muss ein halbes Jahr darauf warten. Ein Nachbau dieser Tasche vom römischen Flohmarkt kostet 100 Euro. 90% der Menschen werden den Unterschied  nicht sehen. Aber wenn jemand man einmal eine echte Tasche in der Hand hatte, wird er diese immer wieder erkennen.

Abgesehen von Arbeiten von einigen zeitgenössischen Grössen wird die Fotografie nicht so „gehyped“ wie zum Beispiel Werke der zeitgenössische Kunst. Für Sammler ist die Sparte eine gute und günstige Einstiegsmöglichkeit für fast jeden Geldbeutel.  Ab welchen Betrag lohnt sich eine Investition in eine Fotoarbeit, wenn man werterhaltend sammeln möchte?

JF: Wie Sie sagen, der Einstieg kann ein sehr günstiger sein. Sammeln hängt ja immer vom eigenen Budget ab. Es gibt sehr schöne Fotogravuren von Carl Blossfeldt, schon ab ca. 500 Euro. Ich habe Studenten, die den Betrag auf zwei, drei Mal abstottern. Vieles ist an sich sehr leistbar. Aber es gibt natürlich genauso Sammler für Landschaften von Ansel Adams und da zahlt man zwischen 1-2 Millionen Euro. Der Vorteil ist, dass man für diesen Betrag Hauptwerke der Fotografie bekommt, während Sie zum Beispiel bei den Top-Künstlern der klassischen Moderne (Anm. Modigliani, Van Gogh etc) oft nur mittelmässige Gemälde bekommen, wenn überhaupt.

Modern Bridesmaid Dresses

Karl Blossfeldt, Centaura Grecesina 12x, 1928, photogravure, 27,7×20,5 cm, Urformenen der Kunst, Pl 33, Edition#300. Courtesy Galerie Johannes Faber, Wien.

Sie haben in einem Artikel im Standard von 2014 gesagt: „Alles ist positiv, was der Fotografie hilft“. Was ist Ihr Wunsch an die Zukunft?

JF: Ja, das meine ich heute genauso. Ich würde mir einen Lehrstuhl für Fotogeschichte innerhalb der Kunstgeschichte wünschen, damit diese Sparte stärker in das Bewusstein der Menschen verankert wird und ihr die Wertschätzung entgegengebracht wird, die sie verdient.

Herr Faber, ich danke Ihnen für das Gespräch.

www.jmcfaber.at

 

1.) 10.6. bis 3.9.2016 „The summer show“, photographs 1900-2000.

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