Nordspanien und Nordportugal: Kein Kulturtrip?

Wir waren waren uns letztes Jahr einig: Nordspanien und Nordportugal sollten es werden. Ganz anders als im Süden soll es dort grün und eher kühl sein. Es war das perfekte Reiseziel, um viel Zeit in der Natur zu verbringen. Denn ich wünschte mir möglichst wenig Kultur, da ich ja schon berufsbedingt den ganzen Tag mit Kunst zu tun hatte. Aber so ganz „Ohne“ ging es dann doch nicht.

Der Bilbao Effekt

Bei unseren Recherchen stiessen wir recht schnell auf das Guggenheim Museum in Bilbao. Was für ein Bau! Da mussten wir unbedingt hin. Der amerikanische Architekt Frank O’Gehry baute das ein wenig an ein Schiff erinnernde Museum binnen vier Jahren (Beginn 1993) auf einer ehemaligen Werft am Nerviòn. Der „Blechhaufen“ 1) ist „schuld“, dass das ehemals eher uninteressante Industriestädtchen aus seinem Dornrösschenschlaf erwachte und sich als recht attraktive Anlaufstation für Touristen mauserte.

Vor Ort angekommen, begrüsste uns ein überlebensgrosser blühender „Puppy“ von Jeff Koons, der den Eingang bewachte. Drei Stockwerke widmen sich wechselnden Ausstellungen der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert.(Bei uns unter anderem Basquiat und Jeff Koons). Einzig die begehbare Installation „The matter of time von Richard Serra ist mit ihren 31 Metern und 174 Tonnen Stahl ein fixer Bestandteil des Hauses. Auf Grund ihrer Grösse musste ein Teil des Museums um die Skulptur gebaut werden

Guggneheim Museum Bilbao

Guggenheim Museum, Bilbao, Foto:J.Arnold

 

Die passt in keinen Staubsauger

Beim Rundgang um das Museum mussten wir natürlich auch „Maman“ besuchen, die rund neun Meter hohe, in Bronze gegossene Spinne von Louise Bourgeois. Wenn man unter ihr steht, ist das schon ein komisches Gefühl. Was ist, wenn die sich plötzlich bewegt? Gleichzeitig fühlt man eine für den Standort eine eher seltsame Geborgenheit. Beides ist von Louise Bourgeois gewollt:

„Intended as a tribute to her mother, who was a weaver, Bourgeois’s spiders are highly contradictory as emblems of maternity: they suggest both protector and predator—the silk of a spider is used both to construct cocoons and to bind prey—and embody both strength and fragility.“ (Text: Guggenheim Museum Bilbao)

 

Louise Bourgeois, "Maman" Bronze, H. 9m. Foto: J. Arnold

Louise Bourgeois, „Maman“ (1999), Bronze, 9 m, Foto: J.Arnold

 

Abgesehen davon lässt es sich in Bilbao gut 2,3 Tage aushalten. Für die Kulinarik mit zahlreichen Tapas Bars und Restaurants ist gesorgt, wobei die Küche eher deftig ist. Die Altstadt ist überschaubar aber sehenswert und man kann von Bilbao aus noch einen kleinen Abstecher nach San Sebastiàn, dem „Saint Tropez“ Spaniens machen.

Vom Baskenland nach Kantabrien

Nach zwei Tagen Aufenthalt wollten wir aber weiter. Zwischenstopp wurde Santillana del Mar, das allerdings, nicht dem Namen entsprechend, 30 Km vom Meer entfernt liegt. Der charmante Ortskern stammt aus dem Mittelalter. Ab dem 15. Jahrhundert siedelte sich hier auch der spanische Landadel an. Dementsprechend findet man auch das eine oder andere Herrenhaus.Allerdings mussten wir uns vor der Begehung erst einmal in einem schattigen Gastgarten (Restaurante La Huerta del Indian) mit einigen ausgezeichneten Tapas stärken. Mein persönliches Highlight war die Colegiata de Santa Juliana, die in der heutigen Fassung aus dem 12. Jahrhundert stammt. Besonders der Kreuzgang hat es mir angetan Mir fielen, neben denn vielseitig gestalteten Kapitellen, besonders die mit den flachen Bandornamenten auf. Die Kelten sind auch in Spanien vorbeigekommen. Ihre Muster sind geblieben.

 

Santillana del Mar Kultur trip

Santillana del Mar, Colegiata de Santa Juliana, Kreuzgang, Detail. Foto: J. Arnold

 

Das kulinarische 5000 Seelen Dorf

Aber wir hatten heute noch etwas vor. Wir wollten nach Lastres, einem kleinen Fischerdorf, am Ufer des Atlantiks, zu unserer nächsten Unterkunft, dem Hotel Miramar. Dieses sollte unser Stützpunkt für die nächsten Tage sein. Wir kamen gerade rechtzeitig zum Abendessen. Der Fisch auf der Speisekarte war fast ein Muss, nachdem der Hafen 800 Meter von unserem Hotel entfernt war. Das nennt man kurze Transportwege. Mit Fisch rechnet man in dieser Gegend, mit Mandelkuchen mit Veilcheneis oder lauwarmen Schokoküchlein mit flüssigem Schokoladenkern eher nicht. Gott muss ein Spanier gewesen sein ;-). Im Übrigen macht das Hotel Miramar seinem Namen alle Ehre: Wer es schafft, früh aufzustehen, wird mit einem besonderen Schauspiel (bei schönem Wetter) belohnt:

 

Lastres, Sonnenaufgang

Lastres, Sonnenaufgang über dem Atlantik Foto: J.Arnold

 Pilgerfahrt nach Santiago – kein Bilbao Effekt

Der Ruf als regenreichste Stadt Spaniens wird Santiago de Compostela mehr als gerecht. Pünktlich bei unserem Eintreffen auf dem Monte Gaia am Rande der Stadt begann es zu nieseln. Für uns war das allerdings kein Grund, die Cidade da Cultura nicht zu besichtigen.Der amerikanische Architekt Pieter Eisenberg war federführend für dieses ambitionierte Grossprojekt: Sechs Gebäude waren geplant. Alle zusammen haben den Grundriss einer Jakobsmuschel und geben die Hügel der Umgebung wieder. Das neue Kulturzentrum sollte vor allem die profanen Besucher anlocken. Sollte. Nach einer circa zwölfjährigen Bauzeit erfolgte der Baustopp 2013, da waren es nur fünf. Die Krise kam dazwischen. Der sechste Bau verharrt seitdem zwischen Baugrube und Gerüst.

Als wir ankamen, war die Cidade verwaist, es war Montag und die meisten Gebäude geschlossen.Entsprechend war wenig los.Immerhin waren das Cafe und die Dauerausstellung zur Dokumentation des Projekts geöffnet. Ob offen oder geschlossen: Ein Rundgang auf dem Gelände lohnt sich auf jeden Fall.

 

Cidada della Cultura Kultur

Cidade da Cultura, Santiago de Compostela, Foto: J.Arnold

 

Unser nächstes Ziel war die Kathedrale. Innen, zwischen nüchternen Tonnengewölben in den Seitenschiffen stand im Hauptschiff ein komplett vergoldeter Altar. Barock und farbenfroh kennt man ja, aber vergoldet? Den Grund erfuhren wir ein wenig später auf unserer Reise: Die Spanier und auch die Portugiesen brachten das Gold von ihren Kolonien mit in ihre Heimat, das sie grosszügig für ihren Kirchenschmuck nutzten.

Wir hatten Glück. Bei der Führung auf das Dach der Kathedrale riss das Wetter wieder auf. Beim Aufstieg erfuhren wir unter anderem, dass die Pilger zuweilen auf den Emporen übernachteten. Diese dienen jetzt aber auch dazu, die überlebensgrossen Figuren der Prozessionen zu lagern. Auf dem Dach, nahe seinem Arbeitsgebiet, wohnte der Glöckner mit seiner Familie. Als Besucher hat man einen wunderbaren Rundblick über die Stadt.

silver chiffon dress

Kathedrale Santiago de Compostela, Blick vom Dach. Foto: J. Arnold

Erfahrungen mit dem Klosterleben 

Unser Navi machte schlapp, aber wir fanden dennoch unseren Weg nach Santa Maria de Bouro, zu unserer nächsten Unterkunft, dem Mosteiro Amares. Dieses Kloster stammt aus dem 12. Jahrhundert und wurde in den 90er Jahren in ein Hotel umgebaut. Das Konzept der Pousadas, das heisst historische Gebäude in Hotels umzuwandeln, ist in Portugal und Spanien weit verbreitet. Das Bauwerk gehört dem Land (oder der Stadt) und wird von einem Hotelbetrieb saniert und gepachtet. So bleibt das Kulturgut erhalten. Mir hat es neben dem Pool (Liege, Sonnenschirm, kühles Getränk…) besonders der Kreuzgang angetan. Zwar war er mittlerweile ohne Dach, das Kloster brannte mehrfach ab, aber seine Gänge hatten etwas Beruhigendes an sich. So wie ein Kraftplatz. Die Bauherren des Klosters wussten schon, wo sie sich niederlassen mussten.

Die Region ist ein Naturschutzgebiet, indem man wunderbar wandern und auch baden kann. Wenn man Glück hat, so wie wir, kann man auf den Stufen der Klosterkirche im Sommer einem Fado Konzert unter freiem Himmel lauschen. Fast so, als hätten wir es bestellt.

 

Mosteiro Amares

Mosteiro Amares Kreuzgang, Foto: J. Arnold

Von Höhen und Tiefen

Porto war grösser als wir dachten. Diese Erfahrung machten wir, als wir uns bemühten, uns in den komplexen Verzweigungen der zahlreichen Stadtautobahnen diesseits und jenseits des Douros zurecht zu finden. Eine Seite war immer falsch und das Navi noch immer krank. Wenn man über Porto in einigen wenigen Zeilen sprechen möchte, dann wird man dieser Stadt kaum gerecht. (Wie vielen anderen Orten auf dieser Reise). Sie ist eine lebendige nicht im herkömmlichen Sinne schöne Stadt. Kontraste liegen nahe beieinander zwischen Kultur und Geschichte, Kreativität und Aufbruch und grosser Armut. Die Azuejos , die oft weiss/blauen aber auch bunten Kacheln, die man auf vielen Häusern, Kirchen oder öffentlichen Gebäuden sieht (zum Beispiel das Innere des Bahnhofs und der Kathedrale), prägen das Stadtbild. Diese alten Kacheln findet man gelegentlich auf Flohmärkten oder bei verschiedenen Altwarenhändlern der Stadt. Porto ist auf steilen Hügeln gebaut und somit ein Ewiges auf und ab. Man spart Energie, wenn man die Besichtigung vom höchsten Punkt, der Kathedrale, beginnt und sich langsam hinunter arbeitet. Und im Fall der Fälle: Die Taxis sind hier günstig.

Zum Abschied unserer Reise haben wir wieder in einer Pousada übernachtet. Eine ehemalige Getreidemühle um 1900 am Fusse des Douros sollte das Zuhause für die letzten drei Tage werden.Sie gehört zum Palàzo do Freixo, einem Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert.

 

Casa do Freixo

Blick auf den Palàzo do Freixo, 17.Jh., Foto: J.Arnold

 

Meist fern von den üblichen Touristenpfaden, bieten beide Regionen sehr viel an Natur, Kultur und Kulinarik, die es zu entdecken gilt. Und vor allem freundliche und hilfsbereite Menschen. Mit Sicherheit, war ich dort nicht das letzte Mal.

 

Der Artikel fällt für diesen Blog thematisch ein wenig aus dem Rahmen. Grund ist die Blogparade von Tanja Praske zum Thema #Kulturtrip. Ich brauchte noch einen Sommerbeitrag, da kam die Blogparade gerade richtig.Danke Tanja für die Idee. 🙂

  1. Name des Museums im Baskischen Volksmund, da die Aussenhaut aus ca. 33 000 Titanblechen besteht.

 

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  2 comments for “Nordspanien und Nordportugal: Kein Kulturtrip?

  1. 20. Juli 2016 at 20:34

    Liebe Janine,

    hach, wie herrlich – da genoss ich gerade einen Mini-Urlaub bei uns am See, komme nichtsahnend nach Hause und finde diesen wunderbaren Artikel von dir vor – klasse und ein herzliches Dankeschön!

    Es freut mich sehr, dass du deinen Kulturtrip uns ausbreitest, obwohl er vielleicht ein bisschen ungewöhnlich für das Blog ist. Da Kunst und Kultur zusammengehören, finde ich ihn absolut treffend. Vor allem deine Beschreibungen der Kreuzgänge und Kloster mit den grandiosen Bildern haben es mir angetan. So etwas erwischt mich als Mediävistin grundsätzlich, fühle ich mich doch an vergangene Studizeiten zurückerinnert.

    Eine Frage noch, mit welcher Kamera hast du die Bilder gemacht? Interessiert mich, da ich mir eine größere zulegen möchte.

    Also, nochmals ein herzliches Dankeschön für diesen tollen #KultTrip!!!

    Sonnige Grüße aus München
    Tanja

    • J.Arnold
      21. Juli 2016 at 10:22

      Liebe Tanja,

      Auch an dieser Stelle: Vielen Dank. 🙂 Der Vorteil von einem Blog ist ja, dass man ein bisschen experimentieren darf. Und an einer Blogparade wollte ich schon immer einmal teilnehmen, es hat nur nie gepasst.
      Auf Reisen und sonst auch habe ich eine Nikon D90, Objektiv 18-200 von Sigma. Die Nikon finde ich angenehm in der Handhabung. Wenn man sich einmal eingelebt hat, lässt sie sich intuitiv erschliessen. Aber es ist immer ein bisschen eine Frage der persönlichen Vorlieben. Das Objektiv ist ein guter Allrounder, kann ein bisschen nah hat aber auch ein bisschen Weitwinkel – für die Leute die unterwegs nicht viel tragen wollen oder sich nicht entscheiden können.
      Interessant ist evtl auch die 50 mm Fixbrennweite (Nikon). Ein kleines und leichtes Objektiv, mit einer sehr guten Lichtstärke. Man kann nicht zoomen, man muss sich selbst bewegen(:-)) aber die Bildqualität spricht für sich. Das Objektiv ist vor allem bei schwierigeren Lichtsituationen hilfreich. Das Objektiv gibt es in verschiedenen Preiskategorien. Lass Dich beraten.

      Gruss von Wien nach München, Janine

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